Das Problem mit der Wahrheit
oder: warum ich so gut lügen kann
Ich habe als Kind häufig meine Version der Wahrheit gesagt und wie bei jedem Kind war diese Version geprägt durch die elterliche Erziehung. Wahrheit habe ich verstanden als Übereinstimmung zwischen dem Inhalt der Aussage und dem eigenen emotional-kognitiven Bezug zum Inhalt – ich hätte es als Kind natürlich anders formuliert. Vereinfacht ausgedrückt bedeutete „die Wahrheit sagen“ für mich, in meiner Aussage meinen Gefühlen und meiner inneren Perspektive zu entsprechen. Gleichzeitig wurde ich erzogen, immer die Wahrheit zu sagen und erhielt damit eine Regel, an die ich mich klammerte. Doch gilt diese Regel in zwischenmenschlichen Beziehungen eben nicht absolut. Wie wahrscheinlich jedes Kind, habe auch ich erfahren, dass die eigene Version der Wahrheit verletzen kann.
Beispiel zur Erklärung:
Fiktiv: Die Mutter fragt „Wie fandest du den Spielplatz?“. Ich antwortete ehrlich „sehr gut!“ Die Mutter zeigt eine positive Reaktion (Mimik, Emotion, Aussage, etc.) und ich fühlte mich bestärkt im Willen, die Wahrheit zu sagen.
Echt: Der Skilehrer fragt zur Abschlussrunde der Klassenfahrt in der 7. Klasse laut in die Runde „HAT EUCH EUER WINTERURLAUB GEFALLEN?“ Alle Kinder/Jugendlichen rufen „JAAAA!“. Nur ich rief „NEEEIN!“ denn ich wollte erklären, dass ein funktionierender Skilift das Erlebnis deutlich angenehmer gemacht hätte. Doch zu dieser Erklärung kam ich nicht, denn Skilehrer und Klassenlehrerin nahmen mich aus der Gruppe und tadelten mich für meine Aussage.
Anmerkung: Ich bin mir nicht zu einhundert Prozent sicher, ob der dysfunktionale Skilift der wahre Grund meines „Neins“ war. Doch wenn nicht dieser, dann gab es einen anderen, denn ich fand das Skilager absolut toll.
Ich lernte, dass die Regel Ausnahmen kennt, doch in welchem Fall diese Ausnahmen greifen, war für mich nicht im Ansatz nachvollziehbar. Wahrscheinlich bin ich in zwischenmenschlichen Interaktionen mit meiner Wahrheit so häufig auf die Nase gefallen und war so verwirrt von den unverständlichen Regeln der Kommunikation, dass ich für mich erkannt habe, dass die Lüge deutlich einfacher ist. Die Lüge ist flexibel und anpassbar an die Bedingungen und Erwartungen meines Gegenübers. Es war für mich schlicht und einfach nicht möglich, immer die Wahrheit zu sagen, eine Lüge aber war immer möglich.
Dies erklärt auch den Erkenntnis-Moment, den ich in meinem 30. Lebensjahr hatte. Als meine Freundin mir sagte, dass sie aus Prinzip nicht lüge (weil es moralisch verwerflich ist), traf es mich wie der Schlag: Sie hat recht. Ich fühlte mich an die alte Regel erinnert und an ihren Wert. Doch wie sollte ich (30 Jahre alt) mit dieser neuen alten Erkenntnis umgehen, wenn mich die Erfahrung doch lehrte, dass die Regel, immer die Wahrheit zu sagen, nicht absolut gültig ist?